Prolog
  
Kim stand vor den zwei Buchen. Morgen war es soweit. Morgen wurde sie sechzehn und musste ein halbes Jahr auf die andere Seite. Ein scharfer Wind blies ihr ins Gesicht. Bald war Winter. Die wenigen Blätter, die noch an den Bäumen hingen, raschelten leise. Nachdenklich betrachtete Kim den Mond, der gerade im Osten aufging. Sie wusste, die Tradition musste fortgeführt werden. Sie war die Älteste im Hause Ignis. Sie musste als erstes diesen Schritt wagen. Nächstes Jahr war ihr Bruder an der Reihe. Wenigstens, so wusste sie von ihrem Vater, würde sie auf der anderen Seite, Erde wurde sie genannt, keine Probleme ihres Namens wegen bekommen.
Kim Narcatiuncula Ignis.
Im Gegensatz zu ihrem zweiten Namen war Kim kein gewöhnlicher Name in Luna Luciens. Ihr Ururgroßvater Chalyps wollte, dass sie so hieß. trotzdem hatte sie vor dem nächsten Tag Angst.
Das Rascheln im Gras lies sie aufschrecken. Als sie sich umdrehte sah sie ihren Urgroßvater Vates Ardor den steilen Hügel heraufklettern. Schnell eilte Kim zu ihm, um ihm zu helfen. Dankbar stüzte sich Vates auf ihren Arm. Oben angekommen lies er sich schwer atmend ins Gras sinken.
"Freust du dich auf morgen, Kim?", fragte der alte Mann, als er wieder ruhig atmente.
Obwohl er bereits viele Winter zählte, hatte er noch oimmer eine volle, tiefe Stimme. Einst war er ein Sänger gewesen und auch jetzt noch begeisterte er die Menschen mit seinen Geschichten von früher.
"Natürlich", log Kim, doch dann seufzte sie und schüttelte den Kopf.
"Naja, eigentlich habe ich ziemliche Angst. Was passiert, wenn ich nicht zurecht komme?"
Lächelnd legte Vates seine runzelige Hand auf ihr Knie.
"Es ist nicht schlimm, Angst zu haben. Es ist nur schlimm, wenn man vor ihr flieht."
Schweigend lächelte er sie an und betrachtete dann das Buchentor.
"Aber ich will nich weg von hier!", meinte Kim leise.
"Kennst du die Legende vom Niemand?"
Verblüfft über diese Frage schaute Kim ihren Urgrßvater an.
"Natürlich, wer kennt sie nicht. Sie wird schließlich weit hin erzählt."
"Weist du, dieser Niemand hatte auch Angst und hat nicht aufgegeben."
Kim seufzte.
"Das mag wohl sein, aber es ist nunmal eine Legende. Eine Geschichte, nichts mehr. Ich bezweifle nicht, dass es vor 312 Jahren einen Krieg gab. Schließlich war es in deiner Zeit. Doch diesen Niemand, von dem man weder Namen weiß, noch, ob es ein Mann oder eine Frau war...das ist bloß eine Erzählung."
Traurig schüttelte Vates den Kopf.
"Es ist nie nur eine Erzählung. Ich dachte, dass hätte ich dir beigebracht. Nun gut, ich werde sie dir erzählen, die ganze Geschichte, nicht nur, was bekannt ist. Und für dich werde ich den Niemand Kim nennen, denn ich bezweifle nicht, dass es ein Mädchen war. Und ein hübsches noch dazu."
Vates lächelte wissend. Dann fing er an. Und Kim erfuhr, vermutlich das erste mal wirklich, die Legende vom Niemand.
Kapitel 1
Der Mond ist etwas seltsames, etwas magisches. Er bringt das wahre Wesen von jedem hervor. Es kann passieren, dass man auf einmal ohne erdenklichen Grund lachen oder weinen muss. Man muss es einfach tun, denn es brennt wie ein tiefer Wunsch im Herzen. Der Mond weckt alle Freuden und Leiden der früheren Leben und man scheint sich an Sachen zu erinnern, die nie geschehen sind.
So kam es Kim immer vor. Sie liebte den Mond, die Nacht und die stille. Auf sie hatte alles immer etwas anziehendes. Sie stellte sich vor, der Mond wäre ein Portal. Ein Portal in eine Welt der Nacht und der Ruhe.
Kim war ein Einzelgänger. Statt in Discos oder ins Kino zu gehen, las sie lieber. Besonders Bücher über Wölfe, Werwölfe und Vampire mochte sie. Sie war 17 und ging in die elfte Klasse des städtichen Gymnasiums. Sie war schlank und hochgewachsen, hatte graue Augen und schwarzes Haar. Obwohl sie als sehr hübsch galt, hatte sie immer noch keinen Freund. Ind der ganzen Oberstufe. war sie als 'sonderbar', wenn nicht gar als 'verrückt' bekannt. Doch sie störte sich nicht um die Meinung der anderen. Immer wenn sie von den anderen gehänselt wurde oder einfach nur traurig war, wusste sie, dass sie bei ihrem besten Freund, dem Mond, Trost und Frieden finden würde.
Und trotzdem hätte sie nie geglaubt, selber einmal in diese Welt einzutreten.
Gedankenverloren sah Kim im Bett und betrachtete den Vollmond. Hell erstrahöle er das Land. Irgendwie war Kim nervös, als würde bald etwas passieren. Etwas einschneidentes in ihrem Leben. Die Nacht war klar und keine Wolke verdunkelte den Himmel und doch schien etwas bedrohliches diese Mitsommernacht zu stören. Plötzlich verdnkelte eine Wolke den Mond, dämpfte sein Licht und tauchte die Welt in eine Dunkelheit, wie sie nur der Neumondnacht zugestand. Mit dem Mond verdunkelte sich die Welt und Kims Herz. Und selbst als sich die Wolke aufgelöst hatte, wollte sich das ungute Gefühl nicht legen. Verwirrt starrte sie den Mond an.
Auf einmal schien er sie anzuziehen, anders als sonst, so dass sie den Blick nicht mehr von ihm wenden konnte. Ein Zwang drang sie, das Fenster zu öffnen. Bevor sie wusste, was sie tat, sprang sie hinaus. Unsanft landete sie auf dem feuchten Rasen und knickte mit dem Fuß ab. Doch sie nahm den Schmerz gar nicht wahr, genauso, wie sie zuvor vergessen hatte, dass ihr Zimmer im ersten Stock lag. Sie konnte die Augen nicht vom Mond abwenden Zielstrebig, obwohl sie nicht wusste wohin, lief sie los. Immer den Ruf folgend, der in ihrem Herzen klang. Auf einmal stand sie auf einer Wiese und nun konnte sie zum ersten mal wegschauen.
Vor ihr standen zwei Buchen, vom Wetter gebeugt, so dass sie ein Tor ergaben. Der Mond warf deutliche Schatten Eine Ungelduld ergriff sie und sie konnte es nicht erwarten, durch die Bäume zu gehen. Andächtig und den atem anhaltend schritt sie durch das Tor. Nichts geschah!
Kim wusste nicht, was sie erwartet hatte, doch sie war enttäuscht. In diesem Moment trat sie über den Schatten der Buchen hinaus. Plötzlich schien die Erde zu beben, das Licht des Mondes wurde immer heller, bis ins unerträgliche hin. Geblendet kniff sie die Augen zu und stolperte vorwärts. Dann war aufeinmal alles vorbei. Erschöpft fiel Kim hin. Sie hatte den unermäßlichen Wunsch zu schlafen. Sie legte sich hin und noch ehe sie die Augen geschlossen hatte, schlief sie ein.
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